Kolumne
oder
Plastikbälle und Ich


In dieser Rubrik möchte ich freundlichen Menschen die Möglichkeiten geben, ihre eigenen Erfahrungen in puncto Plastikball zu veröffentlichen, sie einem breiteren Publikum zu offenbaren. Mitmachen kann jeder, der freundlich ist, und mir seine Geschichte per email schickt, ich werde dann mein Bestes tun, um es bald der Allgemeinheit zu präsentieren.







Den Anfang macht Kasra Seirafi aus Wien.


Der Plastikball als Zeichen unbeschwerten Lebens

Einen Bus voller Jugendlicher und Rucksäcke vollgestopft mit Handtüchern, Badehosen, Zeitschriften und Zigaretten. Vorfreude und der Geruch von Sonnencreme hängen in der stickigen Luft. Eine Endstation. Ein Supermarkt. Ein Plastikball im Sonderangebot. Einkauf und Eintritt. Liegend am Handtuch am Gras, die Geräuschkullisse observierend. Das Peppeln des erworbenen Plastikballs. Barfuss spielend über die Wiese laufend und danach direkt ins Becken. Rote Augen vom Chlor, doch trotzdem noch fähig zu lesen: "Made in Korea". Hand und Fuss und Kopf. Es ist nicht schwer. Plastikbälle sind leicht. Unbeschwert durch den Sommer. Unbeschwert durch den Tag.
Jaja, soviel dazu. Nicht logisch und auch nicht konsequent - irgendwie hat mich der heutige, sonnige tag (der erste in Wien seit Wochen!) dazu bewegt den obigen Text zu verfassen. So ist das nunmal, wenn sich der Frühling mit dem Sommer meldet -> da kommen so alte Jugenderinnerungen wieder hoch...






Als nächstes weiß mad/os alias Thiemo Mättig etwas zu berichten.


Technologisch fortschrittlich

Klein, rund und schnell ist er - der fußballspielende Roboter am Massachusetts Institute of Technology. Von den fähigsten Köpfen erdacht und gebaut verbringt er seine Zeit mit nichts anderem als seinem Spielzeug. Acht kleine, hochauflösende Photoelemente zeigen ihm die Welt, aber er hat nur Augen für den Plastikball. Drei schmale Räder lassen ihn die schönsten Kreise drehen, doch er ist nur hinter dem Ball her. Seine kurzen sensiblen Arme schieben und stoßen die bunte Kugel in jene Richtung, die er als Tor zu erkennen glaubt.

Ist er glücklich? Ist der kleine Plastikball glücklich? Was würde passieren, wenn man die beiden trennt? Der Roboter wird sicherlich panisch umherfahren und auf der Suche nach dem Ball die Grenzen seiner kleinen Welt erreichen. Wird er es verstehen? Wird er seine Grenzen akzeptieren und auf ewig im Kreis fahren? Bis ihm der Strom ausgeht?

Lasst ihm seinen Ball...






Florian Diedrich aka rac von Digital Underground ist der glorreiche Dritte:


In seiner Bearbeitung einer hochsensiblen Thematik gelingt es dem Web-Autor Jan Clasen, einen recht gut strukturierten Überblick zu schaffen. Besonders positv fällt dabei auf, dass an dieser Stelle auf unangemessene Klischees und dekontextualisierte Pauschalurteile wie Aussagen über "den Plastikball an sich [...]" vollkommen verzichtet wurde - stattdessen vermag das Material einen unverkrampften, ehrlichen und vor allem unverfälschten Einblick zu vermitteln, der mitunter sogar einen erfrischenden Perspektivwechsel bewirken kann. Trotz der subtilen Vielschichtigkeit des angesprochenen Komplexes wird dabei die Entfernung zum eigentlichen substantiellen Kern niemals zu groß - in allen Aspekten bleiben die Darstellungen griffig. Allerdings muss sich Herr Clasen von seinen Kritikern den Vorwurf gefallen lassen, in den Tabuzonen seines Gedankengebäudes zum Teil doch zu simple Lösungen anzubieten - so schreibt er beispielsweise: "Und du fängst ihn wieder auf, so einfach ist das Glück.". Dennoch ist er sich der Problematik der unterhaltsamen Aufbereitung dokumentarischer Inhalte bewusst; definitiv gelingt ihm die Gratwanderung zwischen Anspruch und Unterhaltung derart souverän, dass er zu keiner Zeit in den Verdacht fehlender Seriösität gerät.






Hagen Range nahm sich wirklich viel Zeit und recherchierte wie ein Derwisch. Lest und Staunt.


Was uns der Plastikball bedeutet

Selten ist der Werkstoff Plastik für etwas sinnvolleres verwendet worden, als zur Formgebung des Balles. Hier kommen alle positiven Eigenschaften des Materials zum Tragen. Elastizität, Belastbarkeit und (bei sachgemäßer Anwendung) eine schier unbegrenzte Haltbarkeit.
Nicht nur diese Haltbarkeit, sondern auch die Vielfalt in Art und Sorte lassen uns dem Plastikball ein Leben lang begegnen. Der Plastikball ist uns meist ein guter Freund über all die Jahre hinweg und eine Beziehung zu ihm kann oft inniger und langwieriger sein als eine Fußpilzerkrankung. Weshalb auch ein argentinisches Sprichwort sagt: "Du kannst im Leben viele Frauen haben, aber nur eine Mutter und einen Plastikball.". Die Bedeutung unseres Lieblings- Objektes ist im deutschen Sprachraum ebenfalls fest verankert. Wer kennt nicht die Sprichwörter: "Wer den Plastikball hat, braucht für den Sport nicht zu sorgen.", oder: "Wer andern eine Grube gräbt, hat selbst den Plastikball.".
Schon von klein auf kommen wir mit ihm in Berührung. Viele kennen ihn noch ganz genau - ihren ersten Plastikball. Wobei der "erste Ball" häufig mit einem gewissen "Debütantinnen-Ball" verwechselt wird. Obwohl auch hier vieles nach Plastik aussieht, hat er mit unserem Kult-Fetisch nichts zu tun. Der Plastikball ist uns also schon als Baby vertraut und bis hin zur Pubertät sind dies meist die einzigen Rundungen, die ein Junge je zu fassen bekommt. (Zum Thema: "Sex mit Plastikbällen" greifen sie bitte auf die offizielle Lolo Ferrari Webside zurück.)
Durch solch spielerisches Herangehen an das Thema Plastikball wird der jugendliche Mensch wie von Geisterhand an das Mysterium der Ballsportarten und deren zugehörige Vereine herangeführt. Und genau dies ist der springende Ball: der Plastikball - das soziale Wesen! Hinter dem Ballsport steht nun einmal der Bildungs- und Lohngruppen, sowie Völker- und Religionsgrenzen überschreitende Gedanke der Gemeinschaftlichkeit. Heitere Runden in denen Menschen zusammenkommen, um spielerisch ihre Kraft zu messen und freiwillig dabei auf die Einnahme von Drogen zu verzichten, gibt es seit Jahrtausenden nur im Ballsport. Wieviele sportliche Einzelkämpfer neigen zu Kokainkonsum oder steroidverseuchten Zahnpasten? Nicht so der Mannschaftsballsportler. Er kennt gar keine Drogen, außer dem Schrei: Tor! oder Punkt!. Er kifft auch nicht, denn kiffen macht blöd und wie schnell wird man dann Automechaniker oder Synchronschwimmer? Nein, dem Mannschaftsballsportler liegt ein geselliges und freundliches Wesen zugrunde. Daher rührt auch die alte Volksweisheit: Wo gesungen wird, da laß dich nieder, schlechte Menschen haben keine Plastikbälle." Und schon die alten Römer sagten: "Laßt dicke Bälle um mich sein.".
Und genau jener wichtige Sozialbau wird nur und ausschließlich durch den Plastikball der frühen Kindheit errichtet! An dieser Stelle sei auch allen ökologischen Zweiflern am Material des Plastikballes gesagt: Scheiß auf euch und die Umwelt wenn uns dadurch nochmal Talente wie Beckenbauer oder Overath heranwachsen!
Zurück zum Thema. Gott schuf den Plastikball nach seinem Ebenbild und vorm Plastikball sind alle gleich. Es gibt ihn für wenig Geld zu kaufen, bzw. zu Gelegenheiten wie Karneval (aus Werbegründen) sogar geschenkt. Deshalb ist er so wichtig für die Sozialisierung unserer Kinder. Man muß nicht reich sein, um einen solchen Ball zu besitzen. Im Gegenteil, auch gutsituierte Eltern kaufen ihrem Nachwuchs den totalen Plastikspaß, da das Objekt Plastikball von ideologischen Verblendungen, wie Markenartikeln oder Statussymbolen völlig frei gesprochen ist. So kommen Menschen in Spiel und Freundschaft zusammen, die ohne Plastikball vielleicht nie in Kontakt getreten wären. Und über die völker- und religionsübergreifende Wirkung seinerseits muß man wohl nicht noch extra sprechen. Wenn ein afrikanischer Jude zusammen mit seinem muslimischen Freund aus Vorderasien gegen einen europäischen Christen ein Tor erzielt und sich dann mit seinen hinduistischen Freunden aus Indien darüber freut und in den Armen liegt, während der christliche Torwart von seinen ebenfalls aller Rassen und Religionen angehörenden Mannschaftskameraden verprügelt wird, dann ist dies mit Sicherheit das wohltuende Werk eines Plastikballes. Neid und Zwietracht entstehen hier höchstens über die preislichen Unterschiede der Sportkleidung. Deshalb sollten Kinder am besten nackt spielen, wie überhaupt alle Menschen nackt sein sollten. (Greifen sie bitte zu diesem Thema auf die offizielle Lolo Ferrari Webside zurück.)
Zum Abschluß sei nun noch bemerkt, dass der Plastikball sich, wissenschaftlich belegt, positiv auf die Gesundheit des Menschen auswirkt und das Krebsrisiko vermindert. Laut einer medizinischen Studie spielten nur ein verschwindend geringer Prozentsatz aller Krebstoten des Jahres 1995 als Kinder intensiv mit einem Plastikball, wohingegen z.B. fast 96% aller Ertrunkenen vorher geschwommen sind! Ziehen sie hieraus keine übereilten aber durchaus ihre eigenen Schlüsse und denken sie stets an das Motto des kleinen hüpfenden Plastikballes Britney Spears: Born To Make You Happy!


Der Plastikball in Literatur und Film

Immer wieder haben sich auch Literatur und Film dem Thema Plastikball genähert. Das dies mit unterschiedlichen Ergebnissen in Werktiefe und Qualität verbunden war, ist wohl jederman bewußt. Deshalb wollen wir im Folgenden nur auf ein paar der absoluten Highlights dieser Versuche eingehen.
Der erste der Menschheit bekannte Text zum Thema Plastikball stammt aus der Antike. Es handelt sich dabei um das Theaterstück Der gefesselte Plastikball von Aischylos. Dieser läßt seine Tragödie, die ein Teilstück aus einer Trilogie darstellt, in mystischer Vorzeit spielen. So deutet er gekonnt die ungeheure Bedeutung des Plastikballes für die Entwicklung der gesamten Menschheit an. Die Handlung zeigt uns einen Plastikball der von den Göttern dafür gestraft wird, dass er den Menschen das Feuer und andere Kulturgüter gebracht hat. In einem gewaltigen Monolog erhebt er Klage gegen die Götter, und läßt sich auch durch die Androhung noch höherer Strafen nicht von seinen Schmähungen abbringen. Zum Ende versinkt der Plastikball unter Blitz und Donner in den Tiefen des Tartaros. Als Tragödie des Trotzes und Aufbegehrens gegen eine bestehende Weltordnung ist dieses Werk exemplarisch und wurde richtungsweisend für die Entwicklung der
abendländischen Tragödie.
Aus der späteren Theater-Klassik stechen vor allem Werke wie Ibsens Der Wildplastikball oder Lessings Minna von Plastikball hervor. Jedoch war es wieder einmal William Shakespeare, welcher mit seinem Stück Viel Plastikball um Nichts ein erneutes Meisterwerk ablieferte. Im übrigen ist dies auch die erste Komödie zum Thema. In diesem, um 1598/99 entstandenen, Fünfakter verliebt sich Graf Claudio in Hero, den jungen Plastikball des Gouverneurs von Messina. Der Prinz von Aragon, Don Pedro, macht für ihn den Brautwerber. Doch der böse Halbbruder des Prinzen will das junge Glück durch eine abgefeimte Intrige zerstören. Es kommt soweit das Claudio dem Plastikball am Altar Sittenlosigkeit vorwirft. Jedoch wird der Beweis für Heros Unschuld erbracht. Den komödiantischen Hauptreiz des Werkes bilden darüber hinaus die Wortgefechte von Beatrice, einer Base des Plastikballes, und dem Edelmann Benedict. Shakespeare entfaltet in ihnen einen brillierenden Wortwitz und seine Kunst des zugespitzten Dialoges. Die Liebesgeschichte Claudio - Plastikball entlieh der Dichter einer Novelle von Bandellos.
Die Moderne hingegen mied das Thema oft, sodass nur noch Bert Brechts Der kaukasische Plastikball erwähnenswert bleibt. In diesem 1945 in der Emigration entstandenen Stück bearbeitet Brecht nicht nur das Thema - woran man erkennt, wem ein verlorengegangener Plastikball nun wirklich gehört, sondern er legt schonungslos die Gefahren von Plastikbällen offen, indem er die jährlich jämmerlich zugrunde gehenden Kinder, die in Ikea-Kinderbecken unter tausenden von Plastikbällen ersticken, thematisiert.
Im übrigen bildet Friedrich Schillers Ballade Der Torwarthandschuh eine vorzügliche Ergänzung im Bereich der Sekundärliteratur.
Auch in der Gattung Roman gab es hervorragende Bearbeitungen zur Problematik. Allen voran Theodor Fontanes Effi Plastikball. Ein Buch von unglaublicher Intensität und meisterlicher Erzählkunst. Die Handlung entwickelt sich um einen kindlichen Plastikball namens Effi, der viel zu jung der elterlichen Stube entrissen und in die Ehe mit einem Beamten gedrängt wird. Dieser hat jedoch gar kein Interesse an seinem neuen Plastikball, da er den Beamtensport Sackhüpfen vorzieht und deshalb total in den Sack haut. Beschrieben wird folgend die unglückliche Ehe und die vergeblichen Versuche des jungen Plastikballes einen Halt im Leben zu finden, welchen er in Freundschaften, Geliebten und sogar einem Kind sucht. Leider rollt er selbst immer wieder weg und kommt erst zum ruhen, wenn er irgendwo im Dreck hängenbleibt. Das tragische Ende ist der unvermeidliche, innerlich vereinsamte Tod. Fontane übt hier gnadenlose Kritik an der plastikballfeindlichen Gesellschaft des Deutschlands seiner Zeit.
Doch nicht nur die Vergangenheit hat das Buch beschäftigt, sondern auch die Zukunft. So entstand beispielsweise der Sience-Fiction Roman Plastikball Orange von Anthony Burgess. Eine düstere Vision über die Plastikbälle der Zukunft. Ein Alptraum aus Sex, Gewalt und Beethoven - ein beschrittener Weg radikaler Offenheit, bei dem die Farbe besonders gut herauskommt. Auch Ray Bradburys Kurzgeschichtensammlung Die goldenen Plastikbälle der Sonne soll hier nicht unerwähnt bleiben. Dort finden wir herrliche Grotesken, die uns Plastikbälle als mechanische Großmütter zeigen, Riesenplastikbälle die man rauchen kann oder sogar die Geschichte um ein ganz normales Müllauto.
Im Bereich Sachbuch finden wir die herausragenden Titel unter dem Namen Elke Llab Kitsalp. Ihre Bücher Der Plastikball in Heim und Garten und Paarung und Zucht des Plastikballes bieten alle Informationen die man zur Anschaffung und Haltung unseres Freundes braucht. Sie schreibt auch zur Frage der aggressiven Plastikbälle. Wie einst der Wolf zum Hund gezähmt wurde, so wurde auch der Plastikball zum Freund des Menschen. Trotzdem steckt etwas von der wilden Natur noch in ihm und er braucht eine liebevolle und erziehende Hand. Gerade Zuchtrichtungen wie der Kampfplastikball spekulieren auf diese alten Triebe. Doch Schuld an Unfällen mit solchen Bällen ist nicht der Ball sondern der Mensch. Dies, sowie alles zu Pflege und Umgang, abgerundet durch einige Anekdoten zum Plastikball findet man am besten hier.
Weg von der Literatur, hin zum Film. Fast jedes Genre hat sich einmal unseres Themas angenommen. Beginnen wollen wir mit dem Horror-Film. Der große Klassiker dieser Abteilung ist der Film I Was A Teenage Plastic Ball (USA,1957). Der 76minütige Streifen der Sunset Productions zeigt einen Jugendlichen, der auf rohes Fleisch versessen ist und deshalb zum Psychiater geschickt wird. Jener ist jedoch verrückt und will die Menschheit vor der Nuklear-Katastrophe retten indem er sie in Plastikbälle verwandelt. Er testet ein Serum an dem ahnungslosen Jungen, welches diesen in einen Plastikball verwandelt der alles überrollt, was sich ihm in den Weg stellt. Gespielt wird der Plastikball von Michael Landon (Ein Engel auf Erden, Unsere kleine Farm), auf überzeugende Art und Weise.
Die Sience Fiction brachte ebenfalls ein Meisterwerk zustande: This Island Plastic-Ball (USA, 1955). In den deutschen Kinos lief der Film unter dem Titel Metaball IV antwortet nicht. Zum erstenmal geht es um Außerirdische Wesen, die zur Rettung ihrer von Feinden bedrohten Welt auf irdische Plastikball-Technologien angewiesen sind. Das wesentliche an dem Film ist die Studie, wie sich Schwerelosigkeit auf die labile Psyche eines Plastikballes auswirkt. Jedoch auch die für damalige Verhältnisse aufwendigen Tricks, die traumhaften Plastikball-Dekors, die herrlichen Weltraumbilder und die Plastikballköpfe der Außerirdischen, sowie ein simpler Grundplot der einen die Komplexität des Gesamtthemas jedoch nie verlieren läßt machen diesen Film zu einem besonderen seines Genres.
Natürlich stellte sich auch der Western dem Plastikball an sich. 1964 erschien der Sergio Leone Film Für eine Handvoll Plastikbälle (D/E/I) in den Kinos. Clint Eastwood spielt hier den einsamen schießfertigen Plastikball, der zwei Gangsterbanden zur Strecke bringt. Höhepunkt des Filmes ist der große grüne Plastikball, der von links nach rechts durchs Bild rollt und dabei eine lustige Western-Weise trällert. Es war die Geburtsstunde des Italowesterns, sowie der Grundstein für die große Karriere des Clint Eastwood. Der zweite Teil Für ein paar Plastikbälle mehr, erschien mit ebenso großem Erfolg ein Jahr später, wie der dritte Zwei glorreiche Plastikbälle (1966).
In der amerikanischen Komödie Manche mögen's Plastikball von 1959 zeigt uns der Regisseur Billy Wilder die Darsteller Marilyn Monroe, Tony Curtis und Jack Lemmon in einer rasanten Plastikball-Farce. Alle drei sind völlig Plastikball im Kopf und versuchen dem jeweils anderen zu zeigen, daß sie völlig Plastikball im Kopf sind. Da am Ende wirklich auch der letzte völlig Plastikball im Kopf ist, müssen sie diesen Zustand tatsächlich akzeptieren und titschen am Schluß des Filmes als Plastikbälle verkleidet lustig im Dreieck. Dieser Film hat bis heute nichts an Frische eingebüßt.
Die letzten Jahre boten lediglich noch den großen Abenteuerfilm Braveball (USA,1995) von und mit Mel Gibson als große Unterhaltung. Es ist die Geschichte der schottischen Plastikbälle im Kampf gegen ihre ledernen Unterdrücker aus England. Vielleicht ein bißchen zu lang geraten gibt er jedoch auch sehr gute Einblicke in die Gefühlswelt und den Alltag unterdrückter Plastikbälle des 13. Jahrhunderts.
Zum Abschluß soll noch die Filmkunst zu ihrem Recht kommen. Denn sie bietet abgesehen vom großen Wim Wenders Werk Der Plastikball über Berlin noch ein epochales Großwerk. Es handelt sich hierbei erneut um eine dem Plastikball eigene Trilogie (Aischylos, Leone) - Drei Plastikbälle: Blau / Weiß / Rot (F/ PL/ TCH,1993) unter der Regie Krzysztof Kieslowskis. Er verknüpft die Farben der französischen Revolution und deren Symbolgehalt (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) mit den Beweggründen der handelnden Plastikbälle seiner drei Filme, die je für eines der Ideale stehen. Es handelt sich hierbei um Dramen und Tragikomödien, die tief in die Psyche und Seele des Plastikballes vordringen. Außerdem wird erklärt warum Plastikbälle oft ganz weit weg titschen.
Es gibt natürlich noch viel mehr zum Thema in Film und Literatur, jedoch wollten wir sie nur ein bißchen neugierig machen und ihnen lediglich eine kleine Orientierung in der großen Welt des Plastikballes vermitteln.






Anna Czypionka aus Berlin verfasste diese allerliebsten Zeilen im Zug


Plastikball als Ursache und Symptom unseres Glücks

Warum lieben Menschen Plastikbälle?

Erinnern wir uns: Wollten wir damals wirklich dringend einen besitzen, mussten wir unsere Eltern quälen, bis sie uns endlich endlich einen kauften, den wir daraufhin hüteten wie unseren Augapfel? Bei den meisten wird es anders gewesen sein; mit Plastikbällen wird gerne gespielt, weil sie eben da sind. Noch bevor man ganz verstanden hat, was man da herumtritt, hat man sich an den Plastikball gewöhnt und möchte ihn nicht mehr missen. Und da es allen anderen Kindern ebenso geht, ist der Plastikball eine allen verständliche Grundlage, wenn er dabei ist, lässt sich mit noch so einfallslosen Kusinen ein Spiel finden. Mit dem Erwachsenwerden ändert sich diese schöne Einigkeit der Menschen nicht, so dass sie am Strand wildfremden Gutaussehenden ihre kleinen Werbegeschenk-Bälle zuwerfen und lachen und sich so zu erholen hoffen.
Das war nicht immer so. Nicht nur, dass früher weniger Leute in den Urlaub fuhren als heute, nein, nicht einmal Plastikbälle gab es. Die "Wir hatten ja gaaarnichts!"- Beteuerungen der älteren Generationen sind in diesem Punkt nicht ganz unberechtigt, und denkt man nur hundert Jahre zurück, sah eine Kindheit ziemlich trostlos aus. Eine dünne Schicht von Privilegierten konnte sich handgearbeitete feine Lederbälle (vielleicht unseren heutigen Fußbällen vergleichbar?) leisten, die als Kinderspielzeug für die ersten Jahre viel zu fest, nicht abwaschbar und überhaupt empfindlich waren, so dass sich Wasserballspiele, Kleinkinder- oder Hundesabber und Nächte im Freien von selbst verboten. Der Rest der Bevölkerung musste sich mit klobigen Lumpen- oder Lederbällen helfen, die unglaublich schwer waren, bei Regen sich vollsogen und noch viel schwerer wurden, sich beim Flug verformten und schnell faulten. Ein nach heutigen Maßstäben noch so schäbiger Ball war damals ein kostbarer Besitz, mit dem man sorgsam umging.
Wir, die unbekümmert in den Vorstädten der westlichen Welt aufwachsen durften, konnten gelassener mit unseren bunten, großen oder kleinen, edlen oder billigen, auf jeden Fall aber immer ersetzbaren Plastikbällen umgehen. Nein, konnten wir nicht. Wir kamen nicht um sie herum! Kaum waren wir auf der Welt, wurden wir mit Plastikbällen beschenkt, teils aus Verlegenheit, teils aus sportlicher Begeisterung der Schenker. Hatten wir bis ins Schulalter noch nicht begriffen, wie selbstverständlich der Plastikball war, wurde er uns nun in der Schule als Übermittler der elementaren Verhaltensregeln und Lebensweisheiten präsentiert. Alle Kinder spielten Plastikball, auf der Straße, im Urlaub, als Sport, als Hintergrund für eine mehr oder weniger mitreißende Geschichte, in der ein bestimmter Buchstabe bis aufs albernste gehäuft auftrat...und damit man den Plastikball selber nicht mit der Botschaft verwechselte, gab es eindrucksvolle Warnungen, ja nicht dem Ball auf die Straße hinterherzulaufen, der wurde nämlich vom Auto überfahren und zerplatzte, während der Ballbesitzer mit Schrecken, aber unversehrt am Straßenrand stand. Ein neuer Plastikball fiel schnell vom Himmel, und der alte war vergessen, gestorben und überfahren an unserer statt, ohne dass ihm noch einmal hätte gedacht werden können.
Bedenklich könnte also scheinen, dass uns der Plastikball als elementares Acessoire zum glücklichen Leben oktroyiert wurde, nicht aus eigener Erfahrung oder aus freier Entscheidung, nein, aus gesellschaftlichen Konventionen heraus, wobei alle Sozialisatoren Hand in Hand arbeiteten.
Zweifellos sollten freie Menschen ihre Welt und ihre Bedürfnisse selbst gestalten können, und wenn wir nun zum lebenslänglichen Konsum einer bestimmten Sorte Fruchtjoghurt (ebenfalls gesund und nicht unbedingt nötig) trainiert würden, nicht nur im Fernsehen, sondern auch im Elternhaus und in der Schule, wäre Sorge durchaus angebracht. Im Fall von Plastikbällen muss man jedoch anerkennen, dass die erfahreneren und damit mächtigeren Erzieher in wirklicher Liebe zu ihren Zöglingen gehandelt haben, seit es den Plastikball gibt: Plastikbälle sind wunderschön und machen glücklich. Niemand wird unter den unangenehmen Nebenwirkungen eines Plastikballs zu leiden haben, solange er ihm eben nicht auf die Straße hinterherläuft; die wenigsten Dinge, die soviel Freude bereiten, sind gleichzeitig so unbedenklich. Also sollten Plastikbälle tatsächlich so selbstverständlich zur Welt gehören, wie propagiert wird.
Ein weiterer Einwand richtet sich gegen die grundsätzliche Haltung, die sich im sorglosen Umgang mit Plastikbällen äußert. Ein Symptom der seit Generationen vollendeten "Vermassung", mit der sich seit Generationen niemand abfinden will, zieht sich Hass zu - lieblos sei der Plastikball, weil nicht persönlich für den Benutzer hergestellt, billige Massenware. Zu einem so wertlosen Gegenstand sei keine persönliche Beziehung aufzubauen, lautet der Vorwurf aus manufactum-begeisterten Kreisen, und so sei die allgemeine Gefühlskälte und Beziehungsunfähigkeit nicht nur Dingen, sondern auch Menschen gegenüber eine direkte Folge der steten Verfügbarkeit von Plastikbällen.
Während also geklagt wird über Entwicklungen, die längst stattgefunden haben, zeigt der Plastikball erst nach und nach, welche Chance er seinen Besitzern bietet: Gerade durch die Beliebigkeit des einzelnen Balls können wir seine allgemeine Funktion in nie gekannter Klarheit erkennen. Keine Sentimentalitäten trüben den Blick für das, was uns glücklich macht: Bewegung, bunte Farben, klare Formen, frische Luft, konzentriertes phantasievolles Spiel allein oder ausgelassenes Toben mit anderen. Nicht die Materie ist mehr wichtig, sondern was wir mit ihr anstellen - wir sind in die Verantwortung genommen, unseren Tag mit diesem Hilfsmittel zu gestalten.

Der Plastikball steht also zugleich für begründete Sorglosigkeit und Rückkehr zum Wesentlichen, und das für alle Bevölkerungsschichten. Ist das nicht wunderschön?


















Balla
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